Der Künstler

Wilhelm Morgner

Wilhelm Morgner (* 27. Januar 1891 in Soest; † 16. August 1917 bei Langemark in Westflandern) war einer der bedeutenden westfälischen Maler und Grafiker des Expressionismus. (Walter Weihs)

Wir bedanken uns bei Walter Weihs, Soest für die Genehmigung zum Abdruck des folgenden Textes.

1891
1891
Geburt

Wilhelm Morgner

Wilhelm Morgner wird am 27. Januar in Soest Nr. 1166 (heute Rosenstraße 4) geboren. Der Vater, August Morgner, aus Beerheide (Erzgebirge) stammend, ist zunächst Militärmusiker, danach als Schaffner bei der Bahn beschäftigt. Die Mutter, Maria Morgner, geb. Bals, stammt aus Soest. Auch sie betätigt sich gelegentlich im musischen Bereich; sie verfasst Gedichte, die im Jahre 1920 im Verlag Aurora, Dresden-Weinböhla veröffentlicht werden.
1892
1892
Geburt

Schwester Maria

Am 3. Juli wird Morgners Schwester Maria geboren. Maria, von der Familie wegen des gleichen Vornamens der Mutter später stets „Mimy“ genannt, wird nach dem Tod ihres Bruders zusammen mit der Mutter den künstlerischen Nachlass hüten. Noch im selben Jahr, am 27. November, stirbt Morgners Vater an einem Lungenleiden.(1) Die Erziehung des Jungen liegt von nun an allein in den Händen der Mutter.
1895
1895
Im Poesiealbum Morgners Tante Erste zeichnerische Versuche des Knaben.
1897
1897
Evangelische Volksschule

Klassenbild

Morgner besucht die evangelische Volksschule in Soest. Der regelmäßige Schulbesuch behagt dem Jungen nicht besonders, er streift lieber in den Gassen seiner Heimatstadt und auf den angrenzenden Feldern umher, als mit anderen Kindern zu spielen. Ein Farbkasten, den er von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte (3), begeistert ihn derart, dass er alles in seiner Umgebung malt und die Schule nur noch als lästige Notwendigkeit betrachtet.
1900
1900
Schulzeugnis

Ziemlich Gut

In Wilhelms Schulzeugnis des Sommerhalbjahres findet man in Zeichnen die Note „ziemlich gut“ sowie unter Bemerkung: „W. ist oft recht träumerisch!“
1901
1901
Soest

Archi­gymnasium

Frau Morgner, die es gern sähe, wenn ihr Sohn Pfarrer würde, schickt den Jungen auf das Archigymnasium Soest.
1904
1904
Skizzenbuch

Erste erhaltene Skizzen

Erste erhaltene Skizzen in Skizzenbuch und Heften. Morgner zieht sich durch Zeichnungen und Karikaturen seiner Lehrer, die auch in den Folgejahren seiner Zeit am Archigymnasium entstehen, den Unmut der Konferenz und „barbarische Hiebe“ zu.
1907
1907
Morgner verkauft Zeichnungen „das Stück für einen Groschen“ und veranstaltet mit einem Mitschüler Vorstellungen mit einem „kinematographischen Apparat“ gegen Eintritt. Mit dem Ersparten reißen die beiden von zu Hause aus. Der ursprüngliche Plan, mit einem Schiff nach Amerika zu gelangen, scheitert jedoch in Amsterdam.
Morgner fühlt sich offenbar bereits zu diesem Zeitpunkt deutlich als Außenseiter, gleichzeitig aber auch als eine „Art Respektsperson“.
Aus einem Brief an Georg Tappert über diese Zeit: (4) „...In meinem Bauche war etwas anderes, was immer nach Luft verlangte, wie ich meinte. In Farbe strömte dies nicht über und ich verfiel auf die Idee mich gründlich mit anderen Pennälern und sonstigen Jungen herumzubalgen und zu prügeln. Ich hatte es damals, natürlich vor meiner Worpsweder Zeit zu einer Art Respektsperson für alle Pennäler und Volksschüler gebracht. Ich brachte es fertig, zehn bis zwanzig Jungen meines Alters auf einmal zu verprügeln. Auch in anderen Kraftleistungen hatte ich es zu einer ziemlichen Höhe gebracht. Ich hob unter anderem 90 Pfd. Eisen mit einer Hand dreimal über den Kopf und war im Ringen der Gefürchtetste im ganzen Pennal, obwohl ich erst auf der Tertia war.“...
Die Mutter, froh, ihren Sohn wohlbehalten aus Amsterdam zurück zu haben, verspricht ihm, ihn Maler werden zu lassen, wenn er das Zeugnis zum „Einjährigen“ schaffen würde.
1907/08
1907/08
Morgner erkundigt sich bei Professor Ludwig Kühn, Maler und Radierer in Nürnberg, nach dem „Werdegang eines Malers“. (5) Auch Otto Modersohn, gebürtiger Soester und Mitbegründer der Malerkolonie in Worpswede, wird um Rat gefragt und weist auf die private Kunstschule Georg Tapperts in Worpswede hin.
1908
1908
Mit dem Zeugnis zum „Einjährigen“ verlässt Morgner das Archigymnasium und besucht vom 8. Oktober bis zum 30. Januar des Folgejahres Tapperts private Kunstschule. Hier erhält er eine technisch-handwerkliche Grundausbildung des Malens, gleichzeitig hält Tappert seinen Schüler zu einem intensiven Naturstudium an und führt ihn in die Probleme von Farbe und Form in der modernen Malerei ein.
In diesem Jahr beginnt auch der Briefwechsel zwischen Morgner und seinem Freund, dem Bildhauer Wilhelm Wulff, der später mehrere Porträtbüsten Morgners schaffen wird.
1909
1909
Ab Februar wieder in Soest, richtet Morgner sich ab April ein „Sommeratelier“ in dem nahe Soest gelegenen Dorf Hattrop ein. Auch ein sich an ein Hinterhaus an der Kesselstraße in Soest anlehnender Schuppen dient als Atelier.
Noch vor September dieses Jahres findet im Verkaufsraum der Farbenhandlung Aschoff, einem heute nicht mehr existierenden Geschäft in der Jakobistraße, wo der junge Maler seine Farben zu kaufen pflegte, die erste Ausstellung mit einigen Gemälden und Zeichnungen statt. Wenigstens eine Zeichnung „Flusslandschaft“ wurde auch verkauft. Leider sind dem Verfasser bis heute keine weiteren Angaben zur Ausstellung bekannt geworden.
Beginn des Briefwechsels mit Georg Tappert, der bis zu Morgners Tod 1917 ohne wesentliche Unterbrechungen andauern wird und unverzichtbar zum Verständnis von Morgners Leben und Werk ist.
1910
1910
Tappert, der Ende 1909 seine private Malschule in Worpswede aufgelöst hatte, eröffnet wieder eine Malschule in Berlin, zusammen mit dem Künstlerkollegen Moritz Melzer. Ab dem 1. April hält Morgner sich hier auf, kehrt jedoch schon im Juni nach Soest zurück und arbeitet in seinem Atelier in der Kesselstraße weiter.
Im September/Oktober findet im Soester Burghofmuseum eine Ausstellung mit graphischen Arbeiten Morgners statt.
1911
1911
Tappert, der neben dem Präsidenten Max Pechstein der 1. Vorsitzende der „Neuen Sezession“ in Berlin ist, steht weiterhin in schriftlichem Kontakt zu seinem ehemaligen Schüler. Bei einem Besuch Morgners in Berlin drängt Tappert ihn, sich an der 4. Ausstellung der Neuen Sezession zu beteiligen und sorgt dafür, dass auf dieser Ausstellung vom November 1911 bis zum Januar 1912 das Gemälde „Holzarbeiter“ gezeigt wird. Ebenfalls auf Vermittlung Tapperts ist Morgner mit drei Gemälden „Landschaft“, „Lehmarbeiter“ und „Brunnenbauer“ auf der 1. Ausstellung der Juryfreien im November/Dezember in Berlin vertreten.
1912
1912
Im Januar trifft Morgner bei Tappert in Berlin mit Franz Marc zusammen. Marc, der sich positiv zu einer größeren Anzahl von Morgners Zeichnungen äußert, schickt diese nach München zu Kandinsky, der ebenfalls mit diesen Arbeiten einverstanden ist und sich für die Abbildung der Zeichnung „Ziegelbäcker“ im Almanach „Der Blaue Reiter“ ausspricht.
Auf der zweiten Ausstellung der Redaktion „Der Blaue Reiter“, Schwarz-Weiß, vom Februar bis April in der Kunsthandlung Goltz in München ist Morgner bereits mit 20 Zeichnungen vertreten.
Die Repräsentanz Morgners in der Kunstszene Berlins weckt die Aufmerksamkeit Herwarth Waldens, des Herausgebers der Zeitschrift „Der Sturm“. Hier werden in diesem und im folgenden Jahr 11 Holz- und Linolschnitte Morgners veröffentlicht.
Auf der dritten Ausstellung der Juryfreien im November/Dezember ist er wiederum mit 2 Gemälden vertreten. Richard Reiche, der Organisator der berühmten „Sonderbund-Ausstellung“ in Köln, beobachtet die künstlerische Entwicklung Morgners bereits seit geraumer Zeit und veranlasst, dass sein Gemälde „Lehmarbeiter“ von Mai bis September in Köln gezeigt wird.
1912
1912

Wilhelm Morgner, um 1912

1913
1913
Zu Anfang dieses Jahres werden in der Wanderausstellung von Waldens Galerie „Der Sturm“ fünf Gemälde Morgners in Budapest ausgestellt.
Ferner ist er in der 4. Ausstellung der Juryfreien in Berlin im August/September mit 3 Gemälden und in der Ausstellung „Deutsche Graphik“ in Tokio vertreten.
Franz Pfemfert veröffentlicht in seiner in Berlin herausgegebenen Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst „Die Aktion“ zwei Zeichnungen Morgners. Auch in den Folgejahren 1914, 1916 und 1917 werden hier noch insgesamt 13 Zeichnungen abgebildet.
Im Herbst muss Morgner seinen einjährigen Militärdienst antreten. Vorher hält er sich noch kurz in Berlin auf (6) und unternimmt danach eine Wanderung durch das Erzgebirge, um die Verwandtschaft des Vaters, die Familie Dressel in Beerheide zu besuchen.
Nach der Rückkehr beginnt in Berlin der Dienst als „Einjährig-Freiwilliger“ beim Regiment „Königin Elisabeth“.
1913
1913

Wilhelm Morgner, um 1913

1914
1914
Während der Dienstzeit bei den „Elisabethern“ ist es für Morgner kein Problem, den Kontakt mit Tappert ständig aufrecht zu erhalten. Folglich sind in der 6. Ausstellung der Neuen Sezession im April/Mai in Berlin wiederum mehrere Holzschnitte und Zeichnungen Morgners zu sehen.
Ab diesem Jahr entstehen, durch die äußeren Umstände bedingt, keine Gemälde mehr, die künstlerische Entwicklung lässt sich von nun an nur noch anhand von Zeichnungen und Aquarellen verfolgen.
Im Mai noch auf dem Truppen-Übungsplatz Berlin-Döberitz, nimmt Morgner ab August am Feldzug gegen Frankreich an der Marne-Schlacht teil.
Nachgewiesene Aufenthalte: 4.9. „Faverolles“, 14.9. „Louvois/Marne“ (7)
Infolge einer Fußquetschung durch einen Pferdetritt, die er Mitte September erleidet, und die zunächst nicht ordnunggemäß medizinisch versorgt wird, wird Morgner Anfang Oktober in das Krieger- Genesungsheim Charlottenburg, Englische Straße 14, Corps Machia & Teutonia, eingewiesen. Zu Weihnachten wieder in Soest, beginnt die Freundschaft mit seinem Malerkollegen Eberhard Viegener.
1914
1914
Morgner zu Besuch bei Eberhard Viegener (rechts) und dessen Schwester Amanda (Mitte), die später die Frau von Wilhelm Wulff wurde, vermutlich Weihnachten 1914
1915
1915
Nach seiner Genesung noch bis Ende März beim Ersatz-Bataillon in Döberitz, befindet Morgner sich bereits Anfang April in Osterode (Ostpreußen) auf dem Weg nach Russland, wo er um den 6. April eintrifft. (8) Am 14. April wird er zum Unteroffizier befördert und hält sich bereits einen Tag später auf polnischem Gebiet auf, von wo aus er Anfang Juni weiter nach Russland vorrückt.
Im Sommer wird er von seinem Bataillon als Zeichner für Einsätze in Bulgarien vorgeschlagen. Morgner ist begeistert von diesem Plan, muss sich jedoch noch etwa ein Jahr gedulden, ehe es dazu kommt.
Am 14. August erhält er das Eiserne Kreuz II. Klasse. Bereits ab Juli an einer heftigen Furunkulose leidend, wird er am 23. August über Kowno ins Etappen- Lazarett nach Polzin (Pommern) geschickt, wo er ärztlich betreut wird. (9) Hier bleibt er bis Mitte November und findet etwas Ruhe und Muße zum Zeichnen.
Nach seiner Genesung wird Morgner zunächst zum Ersatz-Bataillon nach Döberitz geschickt, um am 13. Dezember in die 2. Kompanie nach Spandau versetzt zu werden, mit der er sich bis zum Ende des Jahres zeitweilig auch in Döberitz aufhält.
1916
1916
Bis Mitte Januar in Berlin-Döberitz. Nachgewiesene Aufenthalte:
ca. 17. Januar „Cöpenick“, 26. Januar „Lichtenberg“ (Vorstadt von Berlin), 29. Januar „Döberitz“, ca. ab 20. Februar „Uhlenhorst (Restaurant) bei Cöpenick“, 21. - 25. Mai „Döberitz“, ab 26. Mai wieder „Cöpenick“. (10)
Um den 13. Juni fährt Morgner, dem Vorschlag des Bataillons entsprechend, nach Bulgarien ab, um hier als Zeichner Dienst zu tun.
Am 14. Juni in Wien und am folgenden Tag in Budapest, tritt er von hier aus am 16. die Abfahrt nach Belgrad an, wo er etwa einen Tag später eintrifft.
Von den Städten Üsküb und Veles, wohin er am 19. August aufbricht, außert er sich begeistert, da dort seine „Motive nur so um ihn rumlaufen“.
Am 27. August in Zentral-Serbien zurück, versieht er dort als Zeichner bei einem Gräberkommando etwa bis Ende November seinen Dienst.
Am 19. Dezember tritt Morgner die Rückreise in die Heimat an, zunächst hält er sich dienstlich in Berlin, dann über Weihnachten zu Hause in Soest auf. Hier besucht er auch Bekannte und befreundete Künstlerkollegen. (11)
1917
1917
Morgners Kommando in Serbien wird von seiner vorgesetzten Dienststelle verlängert, und so befindet er sich bereits am 6. Januar wieder in Belgrad auf dem Wege dorthin.
Nachgewiesene Aufenthalte:
18. Februar „In Serbien im Gebirge“,
1. April „In Belgrad für einen Tag“,
11. Mai „Noch in Zentral-Serbien“,
15. Mai „Visegrad an der Drina (Bosnien).
Mitte Mai erreicht ihn die Nachricht von seiner Versetzung an die Westfront. Am 12. Juni trifft Morgner beim Ersatz-Bataillon in Cöpenick ein.
17. Juni: Aufenthalt in Lille (Frankreich).
Juli: Morgner wird als Unteroffizier in der 1. Kompanie des 1. Bataillons in die Flandern-Schlacht geschickt.
ca. 23. Juli: Mit der Kompanie zur Schulung an der Nordsee.
28. Juli: Letzte Feldpostkarte mit Dünenmotiv bei Knokke an die Mutter (Poststempel vom 31.7.1917) 10. August: Letzter Brief an Wilhelm Wulff.
16. August: In den Morgenstunden ab 5 Uhr holt die englische Artillerie zu einem ungeheuren Schlag auf die deutsche Front bei Langemarck aus. Sechs frische englische Divisionen, die gerade erst zum Einsatz gekommen sind, setzen zum Sturm auf Langemarck an. Zahlreiche deutsche Soldaten werden gefangen genommen.
Durch eine umfangreiche Auswertung alter Gefechtsberichte und Karten unter Berücksichtigung der Regimentsgeschichte des 262. Reserve- Infanterieregimentes gelang es im Sommer 1989 erstmalig, Morgners Aufenthaltsort in jenen Stunden zu rekonstruieren.
Er befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem Laufgraben der sogenannten „Wilhelm-Stellung“ am Rande eines kleinen Wäldchens, das auch heute noch die alte Bezeichnung „Schreiboom“ trägt, etwa 900 Meter nordöstlich von der Kirche Langemarcks entfernt.
Die erstaunliche Genauigkeit dieser Rekonstruktion ist vor allem einer vom britischen Heeresstab verwendeten, zum damaligen Zeitpunkt gezeichneten Gefechtskarte im Maßstab von nur 1 : 10.000 zu verdanken. Da damals auch Giftgas bei den Kämpfen zum Einsatz kam, das in gegnerische Laufgräben eingeleitet wurde, waren exakte Karten, möglichst sogar tagesgenau erstellt, für die Kriegsführung unter Umständen entscheidend wichtig. Dieses Blatt 20 „Südwest-Quadrant 4, Bixschoote“ zeigt außerordentlich genau die Lage der deutschen Laufgräben, auch der sogenannten „Wilhelm-Stellung“. Die eingezeicneten Details decken sich mit den Aufzeichnungen und dem weniger exakten Kartenmaterial von Morgners Reserve-Infanterie-Regiment 262. (12)
In diesem Laufgraben stirbt Morgner in den Morgenstunden des 16. August bei dem Versuch, sich seiner Gefangennahme durch englische Soldaten zu widersetzen. (13)
20. August: Das Regiment teilt der Mutter mit, dass ihr Sohn am 16. Agust in einem Gefecht bei Langemarck vermisst worden sei; die Vermutung läge sehr nahe, dass er in englische Gefangenschaft geraten wäre.
September: Wilhelm Wulff erhält eine Karte an Morgner zurück mit dem Vermerk „Vermisst seit 15.8.“
Die sterblichen Überreste Morgners könnten sich auch heute noch auf dem „Schreiboom“ befinden, da infolge stärksten Artilleriebeschusses damals die Bergung von Gefallenen praktisch unmöglich war. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Erde durch Granateinschläge teilweise bis in Tiefen von mehreren Metern mehrfach förmlich umgepflügt. Bis in unsere Zeit gibt sie bei Erdarbeiten, beim Straßenbau, selbst beim Pflügen der Felder regelmäßig Kriegsgerät, Munition und Überreste damals Gefallener preis, wovon der Autor sich bei seinen Forschungen vor Ort selbst überzeugen konnte. (14)
Sollte Morgner jedoch irgendwann in der Vergangenheit als nicht mehr identifizierbarer deutscher Soldat gefunden worden sein, so ist er auf dem Friedhof in Langemarck beerdigt worden. Hier haben im sogenannten Kameradengrab etwa 25000 deutsche, auch die namentlich nicht mehr bekannten Soldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden.
1917
1917
Morgners letzte Feldpostkarte an seine Mutter. Sie trägt das Datum 28. Juli 1917 und den Poststempel vom 31. Juli 1917
1919/20
1919/20
Georg Tappert erstellt den handschriftlichen „Morgner-Katalog 1920``, der bis heute von grundlegender Bedeutung bei der Grundlagenforschung im Morgnerschen Werk hinsichtlich Einordnung, Datierung, Authentizität oder ikonografischer Problematik ist. (15) Dieser Katalog befindet sich im Wilhelm-Morgner-Archiv in Soest. Er wurde vom Verfasser dieser Biografie, wo erforderlich, korrigiert und weitergeführt und bildet somit das Wilhelm-Morgner-Werkverzeichnis der Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafik. Bis heute existiert kein anderes, zuverlässiges Verzeichnis von Morgners Werken. Auch die in jüngerer Zeit von A. Witte vorgelegten Arbeiten über die Druckgrafik (s. Literatur: Witte 1991) und die Zeichnungen und Aquarelle (s. Literatur: Witte 1998) enthalten zahlreiche Fehler und Irrtümer und sind daher unzuverlässig.
Hierzu jeweils nur ein Beispiel:
In ihrem 1991 erschienenen „Verzeichnis sämtlicher Holz- und Linolschnitte, Lithographien und Radierungen“ ist als Morgner-Werk unter der Werk-Nummer 7 ein Holzschnitt „Frau mit Hut“ registriert, der nicht von Morgner stammt. Es handelt sich vielmehr um eine Arbeit des Künstlers Franz Nölken (1884 - 1918) mit dem Titel „Junges Mädchen, sich den Hut aufsetzend“, um 1906. Ein von Nölken signiertes Exemplar in der Hamburger Sammlung Rump ist unter der Nummer 144 verzeichnet in der „Bestandsliste von Werken Franz Nölkens des Ernst Rump“, um 1920, und unter der Nummer 59 abgebildet. (s. Literatur: Galerie Herold 1996)
In ihrer 1998 herausgegebenen Arbeit über die Zeichnungen und Aquarelle Morgners findet sich bei den „...nach sorgfältiger Prüfung...ausgeschiedenen Werken“ unter der Nummer XVIII eine „Kreuzigungsszene, 1913, Tusche, Pinsel auf
Papier...unbezeichnet...“ Witte schreibt hierzu: „Hinsichtlich der Thematik, ist diese ornamentale Gestaltung für eine Kreuzigung bei Morgner jedoch nicht nachweisbar. Die Zuschreibung bleibt fraglich. Eine Tappert-Nummer war nicht feststellbar.
Die Provenienz ließ sich nur unzureichend zurückverfolgen. Die Zuschreibung bleibt fraglich.“
Tatsächlich handelt es sich hier jedoch um eine in jeder Hinsicht typische Zeichnung Morgners von außerordentlicher Qualität. Der hohen Qualität des unsigniert gebliebenen Blattes aus 1912 entspricht auch die beste Provenienz, es war nämlich ehemals in Tapperts privater Sammlung enthalten und stammt aus seinem Nachlass, was durch eine rückseitige, handschriftliche Bleistift-Beschriftung von Frau Annalise Tappert, Berlin, dokumentiert ist: „Aus dem Nachlass Georg Tappert von seinem Schüler Wilhelm Morgner, Annalise Tappert“.

 

Fußnoten und Literaturhinweise

Fußnoten

(1) Die Angabe des Jahres 1894 als Todesjahr des Vaters, wie in meiner Veröffentlichung von 1991 angegeben (s. Literatur: Weihs 1991-1), ist falsch. Bei neuester Überprüfung verschiedener Daten zu Leben und Werk Morgners ergab sich, dass Morgners Vater bereits am 27.11.1892 starb. (Quelle Stadtarchiv Soest) Es ist gut vorstellbar, in welch schwieriger Situation sich Frau Morgner ab diesem Zeitpunkt befand, vor allem auch im Hinblick auf den sich bereits in früher Kindheit abzeichnenden Drang zum Außenseitertum des „schwierigen“ Jungen.

(2) In einem von Morgners Tante, Elisabeth Bals, im Jahre 1883 angelegten Poesiealbum, erhalten im Wilhelm-Morgner-Archiv, Soest.

(3)  s. Literatur: Knupp-Uhlenhaut 1984, Brief Morgners an Georg Tappert vom 23.10.1911.

(4)  s. Literatur: Knupp-Uhlenhaut 1984, Brief Morgners an Georg Tappert vom 27.11.1911.

(5)  Der Antwortbrief von Kühn ist im Wilhelm-Morgner-Archiv, Soest, erhalten

(6)  Eine Eintragung in das Gästebuch von Nell Walden trägt das Datum 5.7.1913.
(s. Literatur: Witte 1998)

(7)  s. Literatur: Weihs 1988, Mitteilungen zu Wilhelm Morgner, dort auch weitere biografische Daten aus zum Teil unveröffentlichten Dokumenten.

(8) ebda.

(9)  ebda.

(10)  s. Literatur: Weihs 1988

(11)  In diesem Zusammenhang ist für die Morgner-Forschung interessant, dass es über die Weihnachtstage 1916 auch zu einem Treffen mit dem Morgner befreundeten Maler Arnold Topp (1887 in Soest geboren, 1945 im 2. Weltkrieg verschollen) gekommen sein muss. Auch Topp hielt sich  nämlich über die Weihnachtsfeiertage in Soest auf.
Morgner und Topp schätzten sich gegenseitig sehr, in einem Brief Morgners vom 1. Oktober 1909 an Wilhelm Wulff schreibt Morgner: „ … Heute ist Arnold Topp nach Düsseldorf abgefahren. Er hat sich vorher noch eine Skizze in dem schwarzen Rahmen „Die Heuhaufen“ gekauft zum Preise von 20 M, freilich nicht sehr viel, aber doch immerhin etwas….“ (s. Literaturliste Knupp-Uhlenhaut 1984)
Wie auch wohl heute noch unter Künstlerkollegen üblich, kaufte oder schenkte man sich offenbar Arbeiten oder tauschte diese auch. Es fand sich im Nachlass von Morgners Mutter ein Druckstock mit einem Motiv „Himmelfahrt“, der über Jahre für gewisse Verunsicherung sorgte und von manchen als eigenhändige Arbeit  Wilhelm Morgners angesehen wurde, zumal auf ihm ein Signum in der Art Morgners, eine Monogramm-Ligatur WM angebracht war. Dies muss jedoch erst nach Morgners Tod von fremder Hand irrtümlich vorgenommen worden sein, möglicherweise im Zusammenhang mit der Kennzeichnung etlicher anderer Arbeiten Morgners in Verbindung mit der Aufnahme des Nachlasses durch Georg Tappert 1919/20 oder auch später. Noch 1985 wurde von diesem Druckstock eine kleine posthume Auflage als Jahresgabe für den Kunstverein Kreis Soest gedruckt.
Angeregt und ausgehend von einem Artikel in der Zeitschrift „Weltkunst“  vom 1. Oktober 2004
(s. Literatur-Liste im Anhang) über den Maler Arnold Topp, den Herwarth Walden sehr hoch schätzte und in eine Reihe mit Klee und Kandinsky stellte, war es kürzlich möglich, endlich Klarheit über diesen Holzschnitt zu schaffen:
Es handelt sich danach mit Sicherheit um eine Arbeit von Arnold Topp, entstanden 1916, die offenbar wie oben dargelegt, an Morgner gelangte. Ein zeitgenössischer  Abzug des Druckstockes existiert nach derzeitigem Wissensstand leider nicht mehr, der Druckstock befindet sich heute im Wilhelm-Morgner- Archiv, Soest. Der Holzschnitt-Druckstock wird in das in Vorbereitung befindliche Arnold-Topp-Werkverzeichnis aufgenommen.

(12)  s. auch Literatur: Weihs 1991-2 mit weiteren Details.

(13)  ebda.  Als Morgner 1908 bei Georg Tappert in Worpswede war, befand sich dort als Mitschüler auch Edvin Koenemann, um sich von Tappert unterrichten zu lassen. Der acht Jahre ältere Koenemann ließ sich später als Schriftsteller in Worpswede nieder und wohnte dort in einem originellen runden Haus, das im Volksmund „Die Käseglocke“ genannt wurde. Er hat seinen ehemaligen Gefährten Morgner offenbar niemals vergessen, und lange Jahre nach Morgners Tod führte ihn sein Weg 1952 zu dessen Mutter nach Soest. Die Erzählungen der betagten Dame hat er damals schriftlich festgehalten. Demnach hat sie ihm berichtet, dass ihr eines Tages jemand aus englischer Gefangenschaft schrieb, der noch beobachtet hatte, wie „Willy sich furchtbar gegen einen Angriff der Neger wehrte“. (Der Ausdruck „Neger“ ist dabei als ein im damaligen Landser-Jargon häufig benutztes Synonym für „Feind“ zu verstehen). Dieser bisher wohl weitgehend in Vergessenheit geratene Brief mag sicher auch der Grund dafür gewesen sein, dass Morgner nicht für tot erklärt wurde, und die Mutter auch Jahre nach 1917 stets von ihrem verschollenen Sohn Wilhelm sprach. Sie hatte das kleine Fünkchen Hoffnung auf eine Wiederkehr nicht aufgeben wollen.

(14) ebda.

(15) s. auch Literatur: Weihs 1988 mit weiteren Details hierzu.

(16) Dieses wichtige kleine Dokument ist ebenso wie der notarielle Vertrag zwischen Frau Morgner und Georg Tappert im Wilhelm-Morgner-Archiv, Soest, erhalten.

Weitere Auskünfte zu Werken Wilhelm Morgners unter: http://www.wilhelm-morgner-archiv.de

Literaturhinweise

Galerie Herold 1996
Galerie Herold (Hg.),
Franz Nölken 1884 – 1918,  Briefe 1906 – 1918,
Hamburg 1996

Knupp-Uhlenhaut 1984:
Knupp-Uhlenhaut, Christine (Hg.),
Wilhelm Morgner. Briefe und Zeichnungen, Soest 1984

Weihs 1988:
Weihs, Walter, Mitteilungen zu Wilhelm Morgner, in:
Wilhelm Morgner (1891 – 1917), Zeichnungen und Druckgraphik,
Ausst. Kat. Albstadt 1988

Weihs 1991-1
Weihs, Walter, Biographie Wilhelm Morgners, in:
Wilhelm Morgner (1891 – 1917), Gemälde – Zeichnungen – Druckgraphik,
hrsg. von Klaus Bussmann, Ausst. Kat. Münster / Soest / München,
Stuttgart 1991

Weihs 1991-2
Weihs, Walter, Auf den Spuren Wilhelm Morgners, in:
Heimatkalender 1992 des Kreises Soest, hrsg. vom Kreis Soest,
Soest 1991

Weltkunst 2004
Heft 11/2004, 74. Jahrgang
Illustrierte Zeitschrift für Kunst, Antiquitäten, Bücher und ihren Markt.
Zentralorgan des Deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels e.V.
sowie der in ihm vertretenen Landesverbände,
München 2004

Witte 1991
Witte, Andrea, Wilhelm Morgner (1891 – 1917): Graphik, Verzeichnis
sämtlicher Holz- und Linolschnitte, Lithographien und Radierungen,
Soest 1991

Witte 1998
Witte, Andrea, Wilhelm Morgner (1891 – 1917), Zeichnungen und Aquarelle,
2 Bde, Münster 1998 (Diss. 1992), Bd. 1: Textteil

Nachrichten

Die nächste Ausschreibung für das Wilhelm-Morgner-Stipendium erfolgt im April 2021.